Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 5
Vorwort 6
Einleitung: Deutschland, morituri te salutant 8
Vom Zauber des Irrationalen 13
Richard Wagner 19
Vom Zauber der Kolportage-Romantik 48
Karl May 56
Die Umkehr der Zeit 81
Adolf Hitler 89
Die verbindenden Grundmuster 1
Visionäre Kraft und Breitenwirkung 129
Die verbindenden Grundmuster 2
Der natürliche deutsche Antisemitismus 141
Quellenverzeichnis 171
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Vorwort
Das vorliegende Werk zeigt, daß die beispiellose Breitenwirkung Richard Wagners, Karl Mays und Adolf Hitlers im speziellen Geschichtsverlauf der Deutschen und der damit verbundenen geistig-seelischen Haltung wurzelt. In der Zeitspanne zwischen Bismarckscher Reichsgründung und dem Ende des ersten Weltkrieges ist diese Haltung hauptsächlich durch Realitätsfeindlichkeit, Sehnsucht nach der verlorenen Romantik des Biedermeier, Angst vor einer termitenhaften, ausschließlich zweckgebundenen Daseinsform und eine mit Schopenhauerschem Pessimismus erfüllte
Untergangsstimmung geprägt.
Alle diese Ressentiments und Sehnsüchte lassen sich auf einen groben Nenner bringen. Sie repräsentieren letztlich den Wunsch, das sausende Rad der Zeit anzuhalten, den Ruf nach einem Narkotikum gegen die als häßlich und existenzbedrohend empfundene Realität, nach einem Befreier oder Erlöser.
Aus dieser Zeitstimmung her, dem Bereitsein für Betäubung und Hingabe, dem Hunger nach Sättigung an irrationalem Schwelgen, ist die emotionale Bewegtheit der Massen durch Wagner, May und Hitler - unabhängig von der Qualität ihrer Aussagen - erklärbar. Kein Musiker, Schriftsteller oder Staatsmann der Neuzeit hat seine Umwelt stärker bewegt als jene. Jeder von ihnen hat eine Lösung anzubieten, die jubelnd entgegengenommen und assimiliert wird,
jeder von ihnen erweist sich als Magier, der die Zeit umstülpen,sie wesenlos oder die Realität vergessen machen kann.
Wagner, May und Hitler erfaßten - bewußt oder unbewußt - die im Verborgenen schlummernden Ressentiments, Ängste und Sehnsüchte der Umwelt in ihren Werken und Anschauungen stärker, als es anderen möglich war. Sie alle haben verschiedene latent vorhandene Strömungen zu bündeln gewußt, um ihnen eine beispiellose Stoßkraft zu geben.
Wie aus dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich, sind jedem der drei Magier stets zwei Kapitel gewidmet: das erste präsentiert die geschichtlichen Voraussetzungen und zeichnet die für das Auftreten des Genies notwendige
Zeitstimmung, während das zweite Kapitel stets eine penibel an der Kette geschichtlicher Fakten laufende Biographie präsentiert. Ausschließlich an den geschichtlichen, kulturpolitischen und psychologischen Zusammenhängen
interessierte Leser haben somit die Möglichkeit, die jeweils biographischen Teile zu überblättern, ohne daß darunter die Verständlichkeit des Ganzen leidet. Allerdings sollte dies niemand tun, denn jeder der drei Titanen hat in der Vergangenheit das deutsche Geistesund Gefühlsleben stärker beeinflusst als es einem anderen deutschen
Genie zu irgendeinem Zeitpunkt möglich gewesen war - Riesen wie Goethe, Beethoven und Bismarck nicht ausgenommen. Und dies wird sich auch in der Zukunft nicht ändern, falls Deutschland eine Zukunft haben sollte.
Gert Steiner
Einleitung
Deutschland, morituri te salutant
Wir leben heute in einer Zeit, in der die joviale Ehrlosigkeit allgemein geworden und die staatliche Führung zum Lumpenpack verkommen ist. Irrwitzige Staatsschulden, die gezielte Zerstörung der völkischen Einheit und des Bildungswesens, der Ausverkauf Deutschlands an ausländische Investoren und die damit verbundene Zerstörung der staatlichen Souveränität – diese Glanzleistungen deutscher Volksvertreter sind mehr als nur ekle Früchte von Dummheit und Korruption: sie sind Landesverrat! Den Nibelungendichter hätte der deutsche Schweinestall zu folgenden Zeilen inspiriert: Es wuohs in tiefen Klueften ein schurkisches Geschlecht, der arebeit ganz abhold und beugend wahres Recht, dem Land am Marke saugend in ekler Gaunerei, wo sind die kuenen degen, daz Deutschland wieder frei?
Menschen mit einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Sauberkeit, nach Ehrlichkeit und Anstand - im Denken ebenso wie im Fühlen - Menschen, die vom täglichen Geschwätz der Medien noch nicht gleichgeschaltet
und vom kulturellen Fäulnisprozeß noch nicht völlig vergiftet worden sind, solche Menschen sind sehr selten geworden.
Diese verschwindend kleine Minderheit der geistig und emotional gesund Gebliebenen, diese wenigen, die nicht nur BRD-Bürger sondern Deutsche im eigentlichen Sinne des Wortes sind, sie erkennen in Deutschland folgende Umtriebe:
1. Die wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands durch die
Akzeptanz von mehr als 1.5 Billionen Euro Staatsschulden
Die Rückzahlungsdauer dieses irrwitzigen, ständig weiter wachsenden Betrages beträgt zum gegenwärtigen Zeitpunkt (je nach Berechnungsmodus) etwa 10 000 bis 12 000 Jahre (in Worten: zehntausend bis zwölftausend Jahre!), womit die BRD nicht länger als ein souveräner Staat angesehen werden darf. Der riesige Schuldenberg entlarvt unseren scheinbaren Wohlstand als einen virtuellen, vorübergehenden Zustand, allein die Zinsen dieser Schulden senken das monatliche Gehalt des BRD Bürgers beträchtlich. Die wahren Herrscher der BRD sind die Gläubiger dieses Schuldenberges, verdeckt operierende Investoren, deren Interessen mit jenen des deutschen Volkes unvereinbar sind.
2. Die völkische Schädigung Deutschlands durch eine gewissenlose Migrationspolitik
In vielen Städten ist derzeit jeder fünfte Bewohner ein Ausländer, in zehn Jahren wird bereits jeder dritte Bewohner ein Ausländer sein. Als Folge einer unter dem Deckmantel verschwiemelter Nächstenliebe operierenden, gewissenlosen Migrationspolitik wird das deutsche Volk heimgesucht von Arbeitslosigkeit, zunehmender Vernichtung seiner völkischen Werte und einer explodierenden Kriminalität.
3. Die kulturelle Vernichtung Deutschlands durch eine verantwortungslose Bildungspolitik
Als Folge der staatlich geförderten Nivellierung kultureller Werte und Bildung sind die Klänge von Beethovens Eroica dem heutigen Jugendlichen ebenso ein Gelächter, wie das rauschende Schillersche Pathos oder ein Gemälde von Dürer. Interessant und diskussionswürdig sind Rapper oder aus blutigen Menstruationsbinden und Kot verfertigte, staatlich geförderte und mit Preisen ausgezeichnete Kunstwerke und wird nur noch in Einzelfällen gepflegt, das Niveau an deutschen Schulen und Universitäten stürzt ins Bodenlose.
4. Die Vernichtung des Vertrauens der Deutschen in das Konzept der parlamentarischen Demokratie
Die oben angeführten Missstände, zusammen mit den vielen Korruptionsaffären der Vergangenheit haben das Vertrauen der Deutschen in das Konzept der politischen Parteien als „Volksvertretung“ restlos aufgebraucht.
Dummheit, fachliche Inkompetenz, Habgier und volksverräterische Gesinnung haben unser Land wirtschaftlich, politisch und moralisch in den Abgrund geführt, das Konzept der politischen Partei als „Volksvertretung“ ist moralisch bankrott.
5. Die Vernichtung des wertschöpferischen Menschen zugunsten des smarten „Verwerters“
Da sich jede seriöse Qualifizierungsnorm für eine verantwortungsbewusste Führung an der ständig zunehmenden Komplexität unserer Welt zu orientieren hat, müßten in einem gesunden Staat die Führungspersönlichkeiten
eine vom Juristenprofil stark abweichende intellektuelle und charakterliche Prägung aufweisen. Aus diesem Grund
muß die bisher ausschließliche Führung durch halbgebildete Juristen oder Betriebswirte als ein Verbrechen am deutschen Volk gesehen werden. Nur wer sich tiefer mit Geschichte und Philosophie, mit Naturwissenschaft
und Mathematik, mit Weltliteratur und Musik beschäftigt und in einigen dieser Bereiche Eigenschöpferisches vorzuweisen hat, nur wer seinen Charakter und Körper durch harte Ausbildung geformt hat - nur dieser Typus besitzt die notwendigen Voraussetzungen für eine verantwortungsbewußte Führung, eine fallweise zusätzlich notwendige juristische oder kaufmännische Ausbildung darf nicht Hauptsache sondern bloß Ergänzung sein.*
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* Der Autor erhebt den Anspruch der Zugehörigkeit zu dieser Zielgruppe.
Deutsche, seht euch die Jammerfiguren eurer „Volksvertreter“, eurer sogenannten „Führer“ kritisch an: nehmt ihnen das bißchen Wortgewand weg, wie nackt und armselig stehen sie dann vor euren Augen!
So und nicht anders sehen die wenigen geistig und emotionell gesund Gebliebenen ihr Land, den einstigen Nährboden eines Dürer, eines Goethe, Beethoven und Heisenberg. Als eine von politischen Parteien und einem größenwahnsinnig gewordenen Kommerz gelenkte Diktatur, die in allen wichtigen Belangen nicht den Interessen des demokratischen Souveräns - dem Volk - sondern ausschließlich den Interessen des in- und ausländischen Unternehmertums und ihren Handlangern, den politischen Funktionären, gedient, und somit volksverräterisch gehandelt hat.
Manch einer von den letzten Deutschen reckt in diesen Minuten schmerzlicher Einsicht vielleicht die Hand zum bekannten römischen Gruß und flüstert: „Deutschland, morituri te salutant!“
Gibt es eine Rettung, eine Umkehr von diesem ebenso beschämenden wie verderblichen Kurs? Vielleicht. Vielleicht, falls uns Führer erstehen, die wenigstens einen Teil der seelisch verunstalteten BRD-Klone wieder zu Deutschen umformen können, zu Menschen mit Herz und Hirn, Menschen, die zu Liebe, zu schwärmerischer Hingabe und rasender Ekstase fähig sind.
Jene Führer der Zukunft müssen Verwandler sein, Magier, messianische Gestalten, die ihre Umgebung aus seelischer Dump!eit und innerer Not herauszuführen vermögen und weit über das Geschwätz der Tagespolitik
hinauszielende Antworten geben können.
In der deutschen Vergangenheit gab es solche Menschen, und so ist es das Gebot der Stunde, sich mit diesen Gestalten auseinanderzusetzen.Wir müssen dazu etwas weiter ausholen:
Jedes Volk besitzt eine Reihe von Großen, denen es eine Anreicherung seiner seelischen Substanz, ein Weitersteigen auf der Stufenleiter zum Licht verdankt, jeder dieser Großen eröffnet seiner Zeit und seiner Nachwelt eine neue Erlebnisdimension, sei es auf dem Gebiet des Sehens (Malerei), des Hörens (Musik), der durch Sprachgewalt vermittelten emotionellen Einfühlung in das Wahre, Unendliche (Literatur), der analytischen Einsicht (Naturwissenschaft, Philosophie), etc., und die Summe all dieser Erlebnisebenen ist die seelische Substanz eines Volkes. Diese Großen werden gemeinhin als „Genies“ bezeichnet.Nun gibt es innerhalb dieser stolzen Reihe deutscher Genies eine ganz kleine Auswahl, die sich vor allen anderen Genies durch eine beispiellose Breitenwirkung, durch eine unvergleichliche emotionelle Bewegung der Massen auszeichnet.Sie - und nur sie - sind in der Vergangenheit als messianische Gestalten aufgetreten, als Erlöser aus äußerer oder innerer Not, sie - und nur sie - haben die seelische Achillesferse der Deutschen erkannt. Wir wollen diese kleine Auswahl deutscher Genies zukünftig als Magier bezeichnen. Jeder dieser Magier wird heute ebenso gehasst wie geliebt, seine Werke ebenso verurteilt wie in den Himmel gehoben, die Spannweite zwischen jubelnder Zustimmung und krasser Ablehnung ist bei jedem Magier größer als bei irgend einem anderen deutschen Genie.
Die folgende Analyse wird zeigen, daß Deutschland in den letzten zweihundert Jahren genau drei Magier besaß:
Richard Wagner, Karl May und Adolf Hitler. Wer also nach den zukünftigen Führern, den Rettern Deutschlands Ausschau hält, der muß nach Leuten suchen, die jener Dreifaltigkeit wenigstens in einigen Wesenszügen ähnlich sind, denn nur jene Drei kannten den Schlüssel zum innersten Herzen der Deutschen.
Vom Zauber des Irrationalen
Die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sieht die Welt in höchst betriebsamer Verfassung. Die Neuzeit ist angebrochen, der technischökonomische Modernisierungsprozeß treibt Europa in rastlose Geschäftigkeit.
Waren vor zwei Jahrzehnten noch die Postkutschen auf staubigen Landstraßen unterwegs gewesen, so durchziehen nun viele Tausende Kilometer glänzender Schienen die Lande, auf denen sich rauchende schwarze Ungetüme tummeln. Das Telephon ist erfunden, in den Städten klingelt, rattert und dröhnt es, Fabriken drängen sich an der Peripherie
und hüllen ihre Umgebung in bleiernen Dunst. Modern ist man auch in der Politik geworden, Aufklärung und Französische Revolution haben dem monarchischen Gedanken einen empfindlichen Stoß versetzt, in den europäischen Landen blühen nun auch vermehrt Liberalismus und Parlamentarismus, das wohlhabende Bürgertum steht nicht mehr gänzlich außerhalb politischer Entscheidungsfindung, es ist das eigentliche Rückgrat dieser neuen Zeit geworden. Ganz Europa ist in einer Aufbruchstimmung. Nicht ganz Europa! Die deutschen Lande leisten dem Eindringling Fortschritt nachdrücklichen Widerstand. Hier existieren noch die alten feudalen Strukturen, in den
Köpfen der Menschen wölbt sich ein mythischer Götterhimmel, die literarisch Gebildeten lesen Scheffels Trompeter von Säckingen oder Kellers Grünen Heinrich, während in Frankreich Baudelaire gerade seine schwülerotischen
Blumen des Bösen zu Papier gebracht hat. Eine Biedermeierlandschaft, unpolitisch trotz zeitweiliger Säbelrasselei, verträumt und hoffnungslos altmodisch.Wie war es dazu gekommen?
Für die deutsche Geistesgeschichte ist die Trennung der spekulativen von der politischen Ebene charakteristisch, ein Syndrom, als dessen Ursache man heute spezielle, durch den Geschichtsverlauf induzierte Ängste zu erkennen glaubt.* Aufgrund seiner geographischen Mittellage hatte das Land bereits frühzeitig Einkreisungs- und Abwehrkomplexe entwickelt, die sich im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges furchtbar bestätigt sahen.
Dieser das Land als verbrannte menschenarme Wüste zurücklassende Krieg hat den Deutschen eine tiefliegende Angst vor chaotischen Zuständen eingebrannt, eine Angst, die letztlich in das vom Ausland so oft belächelte Strammstehen vor der Obrigkeit mündete: Die Kategorien Ordnung, Disziplin, Strenge wurden als Schutzmechanismen vor dem Chaos, der autoritäre Staat als Schutzwall gegen die unvergessenen Schrecken der Vergangenheit empfunden, eine Einstellung, die auch durch die Aufklärung kaum ins Wanken geriet.Diese Grundhaltung des deutschen Volkes, seine vom Gefühl der Bedrohung geprägte historische Vergangenheit und die damit verbundene Bejahung von Autorität und Stärke schlugen sich im weiteren Verlauf der Geschichte als revolutionäres Unvermögen nieder. Das Volk zeigte sich
unfähig, das Dilemma der Kleinstaaterei zu lösen, der Brand der in Europa als Folge der Aufklärung ausbrechenden Revolutionen griff nicht in die deutschen Lande über, nach wie vor duckte man sich vor den Landesherren.
Als Folge dieser Entwicklung - oder besser gesagt dieser Stagnation - glitt der Blick des Einzelnen beschämt von der politischen Bedeutungslosigkeit der Außenwelt hinweg und richtete sich nach innen. Hier konnte man an einem idealen Reich bauen, fern von der engen, drückenden Wirklichkeit, hier konnte eine radikale Intellektualität Türme errichten.
Die Weichen für eine verhängnisvolle Zweigleisigkeit waren gestellt.
Als Deutschland den beinahe versäumten Anschluß an die Modernisierung wahrnehmen möchte, ist dies nur mit Hilfe einer gigantischen Kraftanstrengung möglich, einer Anstrengung, der die Überbrückung vom Biedermeier zur Moderne in bloß zwei Jahrzehnten gelingt. In diesen zwei Jahrzehnten wird das Sozialprodukt verdoppelt und die Stahler-
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* Eine sehr ausführliche Analyse dieser Problematik findet sich in Joachim Fests
Hitler-Biographie (sh. Quellenverzeichnis).
zeugung vervierfacht, Aktiengesellschaften und Industrieimperien sprießenwie die Schwämme auf feuchtem Waldboden. Gegen Ende des Jahrhunderts sind Frankreich und England in vielen Bereichen wirtschaftlich
aus dem Felde geschlagen, und Deutschland gilt als der modernste Industriestaat Europas.
Doch dieser blitzschnelle wirtschaftliche Aufstieg hat seinen Preis. Im Zeitraffertempo hat sich die Außenwelt der Deutschen verändert, zwei-, dreimal so schnell wie in anderen Ländern Europas und ein tiefer innerer
Zwiespalt klafft zwischen dem Fortschrittsglauben einerseits und der Sehnsucht nach dem nur wenige Jahrzehnte zurückliegenden, mit schwärmerischer Romantik durchtränkten Biedermeier. Ein starker Widerstand erwächst gegen den Modernismus, man fühlt die Verwüstungen des zivilisatorischen Prozesses im seelischen Bereich. Den romantisierenden Gruppen erscheint die wuchernde Industrie mit ihren Fabrikschloten und Hallen wie eine das Land zersetzende Fäulnis, Angst vor einer ausschließlich zweckgebundenen, farblosen Daseinsweise flackert hoch. Man sehnt sich nach einem Befreier, einer Umkehr in arkadische Gefilde und ist sich gleichzeitig der Ohnmacht seiner Sehnsucht schmerzhaft deutlich bewußt....
Dem Mißbehagen an der zunehmenden Modernisierung des Alltags fügt sich die innere Abkehr von demokratischen Ideen hinzu. Der hypersensible Nietzsche, die Schwingungen der Volksseele stets früh erkennend, beschreibt diese Haltung in seiner Morgenröte folgendermaßen:
„Der ganze große Hang der Deutschen ging gegen die Aufklärung und gegen die Revolution der Gesellschaft, welche mit großem Mißverständnis als deren Folge galt: Die Pietät gegen alles noch Bestehende suchte sich in Pietät gegen alles, was bestanden hat, umzusetzen, nur damit Herz und Geist wieder einmal voll würden und keinen Raum mehr für zukünftige und neuernde Ziele hätten. Der Kultus des Gefühls wurde aufgerichtet an Stelle des Kultus der Vernunft.“
Neben Antimodernismus und antidemokratischen Stimmungen existiert in Deutschland noch ein drittes, tief verwurzeltes Ressentiment - der Antisemitismus. In den letzten dreißig Jahren vor dem ersten Weltkrieg sind
die kapitalistischen Strukturen und ihre Einflußnahme auf das Leben des Einzelnen bereits deutlich spürbar geworden: Die Zahl der Selbständigen in den Großstädten hat sich um die Hälfte vermindert, das Schreckgespenst der anonymen Wettbewerbsgesellschaft greift um sich, viele Menschen sehen sich in ihrer Individualität gleichsam aufgelöst und als Rädchen in einen gigantischen Mechanismus eingegliedert, einen Prozeß ohne Inhalt und Sinn. Die spezielle Begabung des Juden für die kapitalistische Konkurrenzwirtschaft ist evident, so daß sich in den Köpfen vieler Menschen die Gleichsetzung von Modernität und Judentum einnistet. Damit bekommt der Antisemitismus in Deutschland eine neuartige Färbung:
während der religiös motivierte Judenhaß in Deutschland zunächst nicht stärker als in Frankreich und wesentlich schwächer als beispielsweise in der habsburgischen Doppelmonarchie und Rußland ist, so erwächst diesem Ressentiment in Deutschland nun zusätzlich ein sozial begründeter Antisemitismus. *
Diese Überlegungen machen deutlich, daß der Deutsche des Bismarckschen Reiches in einem Gefängnis lebt, dessen Gitterstäbe aus Zukunftspessimismus, rückwärtsgewandter Romantik, antidemokratischen und antisemitischen
Ressentiments geschmiedet sind. Der durch die brutal einsetzende Industrialisierung provozierte Entzauberungsprozeß, der wütende Ruck vom Biedermeier in ein modernes Zeitalter hat den träumerischen, seiner tieferen Natur nach gänzlich unpolitischen Deutschen zutiefst erschüttert und haltlos gemacht. Nun wartet er auf einen Befreier, auf
einen Führer, der Antworten zu geben oder seelische Schlupfwinkel zu öffnen vermag.
Der erste Befreier heißt Richard Wagner. In seinem Werk erscheinen alle bedrückenden und drängenden Strömungen, die anbrechende Herrschaft des Mammons, der graue Zukunftspessimismus, das Gefühl des nahen Weltuntergangs, die Betonung des aristokratischen Prinzips, alle diese Einflüsse erscheinen mythisch übersetzt und zu gigantischer Gewalt aufgetürmt, um endlich in der leuchtenden Magie Wagnerscher Kunst aufgelöst, überwunden zu werden.
Und doch ist der rationale Ansatz seiner Lösung bedeutungslos gegenüber der überwältigenden Wirkung der musikalischen Schöpfungen, die nichts
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* Eine wesentlich detailliertere Analyse des deutschen Antisemitismus findet sich im
letzten Kapitel dieses Buches.
anderes sind als in Töne geballte Erotik. Für manche Musikwissenschaftler mag es interessant sein, in Wagners Werk die Einflüsse Schopenhauers zu verfolgen oder die Frage zu diskutieren, ob es sich bei den Anfangsakkorden
des Tristan um Quarten oder Septen handelt, die Ganglien mancher Psychologen mögen sich an einzelnen Aussagen dieser dunklen Oper entzünden, oder im Ring des Nibelungen inzestuöse Wünsche analysieren. Bedeutungslosigkeiten. Einer sensiblen Musikalität erschließt sich Wagners Welt ohne jede krampfhafte gedankliche Reflexion. Hier kann sich die Seele noch einmal sättigen, sich ungebrochen vom Wächter Vernunft einem bacchantischen Taumel überlassen, in vollen Zügen Klang, Farbe und Sinnlichkeit schlürfen. Die versunkene
Götter- und Heldenwelt erwacht zu sprühendem Leben, der Individualismus setzt sich als Brecher alter Verträge über eine überlebte, morsche Weltordnung hinweg, es zählt nur der Einzelne, Herausragende, der geniale Künstler und Held. Wie kein anderer trifft der seltsame kleine Sachse den Nerv seiner Zeit, jubelnde Verehrung schlägt ebenso hohe Wellen wie krasseste Ablehnung, aber kaum jemand kann sich der Leuchtkraft dieser überwältigenden Schöpfungen entziehen. Musiker, Dichter, Philosophen, die zu nahe an ihn streifen, sehen entweder eine messianische Erscheinung oder sind gelähmt. Genies wie Verdi und Debussy sind in ihrer Schöpferkraft durch den Bayreuther für mehrere Jahre blockiert, Nietzsche und Thomas Mann stehen seinen Werken mit glühender Haßliebe gegenüber.
Betäubt, zerstört, umgepflügt, bereichert läßt er die in seinen wirbelnden Sog Geratenen zurück - jedes Ferment Wagnerscher Kunst ist ein einziger Überwältigungsvorsatz, das Konglomerat eine Mischung höchster Explosivität.
Amoralisch, rassistisch und genial genießt der Bayreuther jahrzehntelang eine kultische Verehrung, wie sie erst wieder seinem Schüler Adolf Hitler in gesteigerter Intensität zuteil werden soll.