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V. Sieben : Auf der Seite der Sieger

V. Sieben : Auf der Seite der Sieger

Ein Manifest für ein neues Deutschland!... Das Buch "Auf der Seite der Sieger" ist ein Manifest. Ein Manifest zur Errettung der deutschen Nation. Der Autor V. Sieben erläutert explizit und einfach die politische und wirtschaftliche Krise unserer Heimat ..
 

 
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Mein Deutschland
Es ist in den Jahren seit der Wende unfassbar viel Unsinn über die DDR verbreitet worden – von den Übertreibungen des Überwachungs- und Polizeistaates bis hin zur fröhlich-verklärten Nostalgiewelle. Alles davon ist gelogen. Mein Deutschland war ganz anders.
Das Leben war hart. Ich wuchs im elterlichen Einfamilienhaus auf; das klingt nach gutem Leben, war es aber nicht. Das Haus war über 200 Jahre alt, verfallen und ungepflegt. Die Toilette hatte keine Spülung, die Dusche keinen Abfluss, der Putz fiel innen wie außen von der Wand. Wenn es regnete, sickerte das Wasser durch das kaputte Dach und durch die Decke und staute sich in langen Blasen hinter der gelben Küchentapete. Ständig stachen wir diese Blasen auf und stellten Eimer darunter. Das ist eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen.
Im nachhinein hat die DDR den Vorteil gehabt, dass niemand steinreich und niemand bettelarm war. Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass es keinen Millionär in der DDR gegeben hat. Aber was hätte er mit dem Geld schon anfangen sollen? Aber daß es keine Armut gab, ist gelogen. Wir waren arm, sehr arm. Unser Häuschen war nicht zum Spaß verkommen – es gab erstens kein Material zu kaufen, wenn man keine Beziehungen hatte. Und wir hatten auch nicht das Geld dazu. Mein Vater war Hausmeister in einer kleinen, dörflichen Schule mit 600 Mark im Monat. Meine Mutter war nach mehreren Schlaganfällen geistig umnachtet und meine Großmutter fand ich eines Morgens bewusstlos in ihrem ungeheizten kleinen Zimmer, sie starb noch in der Nacht, wir hatten kein Telefon. Die uralten Öfen im Wohnzimmer und Küche heizten wir mit gesammelten Holz. Versorgt haben wir uns hauptsächlich selbst mit ein paar Hühnern und einem großen Garten. Den ganzen Herbst hindurch haben wir Obst und Gemüse für den Winter eingeweckt. Ein Auto konnten wir uns nie leisten und ich glaube, die 600 Mark Lohn haben meine Eltern immer komplett vertrunken. Sie sind auch sehr früh gestorben. Zu früh.
Das war sicher nicht das normale Leben in der DDR, aber auch kein Unnormales. Nur wenige aus unserer Straße besaßen ein Auto (wenn, dann einen klapprigen Trabant). Wir hatten keinen einzigen Bekannten, der ein Telefon sein eigen nennen konnte und die Toiletten waren bei den meisten ein Plumpsklo auf dem Hof.
Wir wohnten im “Tal der Ahnungslosen”, ein Empfang von Westfernsehen war nicht möglich. Schon gar nicht mit unserer selbstgebauten Antenne, die wir irgendwie aufs Dach bekommen haben. Unseren schwarzweiß-Fernseher hatten wir aus dem Müllcontainer, mit etwas bastlerischem Geschick lief der auch noch tadellos. Ein russischer Farbfernseher kostete mehr als mein Vater im ganzen Jahr verdiente! Und wir wussten nicht, was Werbung ist! Das klingt heute gewiss unglaublich - heute, wo man doch ununterbrochen damit konfrontiert wird. Es gab keine Produktwerbung im TV, es gab keine bunten Werbeplakate. Es gab eigentlich fast überhaupt nichts Buntes.
Ich habe mich in der DDR nie gelangweilt. Ich habe eigentlich nur gelesen. Mit sieben Jahren durfte ich mich in der Kinderbibliothek anmelden, ich und auch andere konnten da schon fließend lesen. Überhaupt war die Bildung der heutigen BRD um Lichtjahre voraus. Die paar Zahlen, die heute in der ersten Klasse gelehrt werden, mussten wir schon in der Vorschule im Kindergarten lernen. In Klasse 1 lernten wir alle Grundrechenarten und in Klasse 3 mussten wir schon Bruchrechnen.
Unsere Bibliothek war eine riesige, weiße Villa mit Messingkronleuchtern und Parkettfußböden. Heute steht das Haus verwahrlost, weil ein Alteigentümer aus dem Westen darauf Anspruch erhebt. Ich hatte einen unbändigen Wissensdurst und lieh mir zumeist mindestens 10 Bücher auf einmal aus. Da ich daheim nichts anderes tat als lesen, hatte ich den Stapel aber schon in einer Woche durch, so dass mich die strenge Bibliothekarin ständig fragte, ob ich denn die Bücher nur spazieren trüge. Mit 12 hatte ich die Kinderbibliothek (jedenfalls alles, was darin halbwegs interessant war) ausgelesen und durfte mit einer Sondergenehmigung die Erwachsenenbibliothek nutzen. Was für Schätze; stundenlang bin ich verzückt durch die hohen Regalreihen gerannt. Gelesen habe ich vorwiegend alles zum Thema Geschichte, Geografie, Astronomie und Staatstheorie – und außerdem jedes Science Fiction Buch, das ich bekommen konnte. Belletristik halte ich für nicht unwichtig, denn ich habe mir schon beizeiten angewöhnt, mehrere Büchern gleichzeitig zu lesen. Wenn ich zum Beispiel ein dickes Geschichtsbuch lese, quillt mir irgendwann nach ein paar Stunden der Kopf vor lauter Informationen über. Dann greife man zur Belletristik – am besten SF oder Fantasy, damit der Geist auch durch die benötigte Fantasie angeregt wird. Ungeeignet sind Krimis oder ähnlicher Müll – ich werde nie verstehen, dass ein ganzes Literaturgenre aus Büchern besteht, in denen möglichst perfide Morde geschildert werden.
Den größten Vorteil der Wende für mich persönlich sehe ich in der Informationsflut. Sofort nach dem Ende der DDR konnte ich endlich all das lesen, was mir immer verwehrt blieb. Zum Beispiel Zeitgeschichte, Religion oder Philosophie. Alle Welt redet über das 3. Reich, der Unterrichtsstoff über Deutschland dreht sich in der ganzen Welt fast nur um diese 12 Jahre – aber in der Schule haben wir darüber fast nichts gelernt. Ein paar Stunden vielleicht – im Gegensatz dazu hatten wir ein gesamtes Jahr nur über die Geschichte der SED! Ich wusste bis 1990 ernsthaft nicht, was ein Jude ist! Ich weiß noch, wie in der neunten Klasse in Geschichte ein Zettel vom Direktor rumging, der mittels einer Umfrage herausbekommen wollte, ob das Thema 3. Reich auch erschöpfend genug behandelt worden sei. Jeder durfte eine Frage dazu stellen und ich schrieb: “Wer waren die Juden und was waren das für Menschen?” Aber ich habe mir sagen lassen, daß auch heute nicht viel mehr gelehrt wird über das 3. Reich. Vielleicht ist deshalb unser Umgang mit dem Thema so seltsam.
Natürlich gab es Fremdenfeindlichkeit in der DDR. Die gibt es überall. Ich sehe die verhassten Blicke, wenn ich in Polen über einen Markt schlendere, ich sehe die Fernsehbilder aus der Türkei, wo deutsche Fußballer beworfen, geschlagen und beschimpft wurden, ich denke an die furchtbaren ethnischen Konflikte im Jugoslawienkrieg. Und ich sehe auch Bilder aus der DDR. Wir hatten Ausländer. Nicht in dem Maße wie heute, aber wir hatten sie. Freilich aus anderen Gründen. Es gab weder Asylanten noch Scheinasylanten, aber es gab vor allem aus zwei Ländern sehr viele Ausländer bei uns, selbst in unserer kleinen Stadt – aus Mosambik und aus Vietnam. Im Rahmen eines Ausbildungsvertrages durften die Besten von dort in der DDR lernen. Mosambik gehört zu den ärmsten Ländern der Erde, unsere DDR muss ihnen wie das Paradies vorgekommen sein. Aber nicht lange. Wir hatten irgendwann ein Wohnheim für Mosambikaner, ein Plattenbau mit Pförtner und Schranke. Man sah die Schwarzen durch die Straßen schlendern, ein ungewohnter Anblick. Anfangs besuchten sie auch Diskotheken, aber nicht sehr lange. Es gab keine Anzeigen, keine Zeitungsmeldungen, keine Lichterketten.
Das Märchen von der kommunistischen DDR ist sowieso Quatsch. Niemand nahm den “Staatsbürgerkundeunterricht” ernst. Kein Mensch las die ewig gleichen Zeitungsberichte über die Parteiführung. Ich lernte insgesamt gerade mal zwei Leute kennen, die neu in die Partei eintraten. Beide nur, weil sie ohne Parteimitgliedschaft nicht ihren Meisterbrief machen durften. Es war völlig normal, über die Führung zu witzeln und den Kommunismus für Stuss zu halten. Ich habe es nie erlebt, dass irgendjemand in einem persönlichen Gespräch die DDR-Spitze verteidigt hätte. Wir hatten einen in der 10. Klasse, der als Berufswunsch “Mitarbeiter der Staatssicherheit” hatte, weil es seine Eltern auch waren. Dieser Schüler hatte nie Freunde. Ich schreibe das alles, um zu zeigen: Die DDR war ein sozialistisches Land ohne sozialistische Staatsbürger! Genauso, wie die BRD heute ein demokratisches Land ohne demokratische Staatsbürger ist. Nur deshalb war die Wende überhaupt möglich!
Privat hatte ich mich mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter schnell verbessert. Es war überhaupt kein Problem, irgendeinen Beruf zu finden und darin zu arbeiten. Man hat sich einfach beworben und ist dann auch eingestellt worden, sofern man nicht wirklich ausgefallene Wünsche hatte, die ein Parteibuch oder super Noten verlangten. Ich hatte kein Parteibuch und keine super Noten – aber auch keine ausgefallenen Wünsche. Mein Notenbild waren ungewöhnlich, ich arbeite nur interessenbedingt. Das bedeutete durchweg überdurchschnittliche Leistungen in den interessanten Fächern wie Literatur, Geschichte oder Geografie – und absolut unwürdige Leistungen in so “uninteressanten” Fächern wie Chemie, Physik oder Russisch. Eigentlich hatte ich immer nur Vieren und Einsen auf dem Zeugnis. Und weil ich so gern ungestört schrieb und durch ein Rückenleiden sowieso nicht schwer arbeiten durfte, bewarb ich mich in einer großen Brikettfabrik um eine Lehre als FA für Schreibtechnik (Sekretär). Noch im Bewerbungsgespräch erfuhr ich, das die Entlohnung die Hälfte dessen betragen würde, was ein gewöhnlicher Maschinist bekommt und disponierte spontan um. “Dann werde ich eben Maschinist!” sagte ich und wurde es auch.
Aus den zwei Lehrjahren ist mir nur weniges in Erinnerung geblieben. Bei-spielsweise das GST-Lager. Ich war der einzige in der Klasse, der nicht in der GST war (Gesellschaft für Sport und Technik), weil mich Technik wirklich null interessierte. Eins musste man der Staatsführung lassen – sie hat ihre Jugend immer gut beschäftigt! Es gab unzählige Arbeitsgemeinschaften an den Schulen, in denen man gemeinsam seinen Hobbys nachgehen konnte. Es gab Pionier- und FDJ-Treffen, Sportfeste und Spartakiaden, es gab die GST, es gab in jedem noch so kleinen Dorf ein Kulturhaus usw. Deshalb gab es keine Straßengangs, sondern nur gebildete und gut beschäftigte Kinder und Jugendliche. Man MUSSTE übrigens in eine AG eintreten. Ich konnte mich immer herausreden, weil ich schon mit sieben Jahren die Musikschule für Akkordeon absolvierte. Ich trat dann mit neun Jahren endlich der AG Schach bei, weil ich auf Akkordeon keine Lust mehr hatte. Aber da gab es auch nicht viel Freude, weil ich schon in der ersten Woche sämtliche Teilnehmer einschließlich des AG-Leiters vernichtend schlug – schließlich hatte ich da schon alle Schachbücher gelesen, die ich auftreiben konnte. Später machte ich noch Musikschule für Bassgitarre und E-Gitarre und spielte sogar zwei Jahre Fußball, um meine Schule zufrieden zu stellen.
Dieses GST-Lager war schon faszinierend. Ich war fast so eine Art Muttersöhnchen, verließ kaum das Haus und las lieber und so waren 14 Tage an der tschechischen Grenze unter Militärbedingungen so etwas wie ein Alptraum für mich. Ich verabscheue Gewalt und Krieg und sah die Nationale Volks-armee auch immer etwas skeptisch. In meiner Stadt befand sich eine große Kaserne und oft lag ich Nachts wach, wenn die Panzer durch die dunklen Pflasterstraßen rollten. Sie fuhren immer nachts, weil sie da Platz hatten und das Volk sie nicht sahen. Aber das Volk hörte sie ...
 
Deutschlands Untergang
Von den Bürgerrechtlern der ersten Stunde blieb sehr schnell niemand übrig. Die Westwirtschaft hatte einen gigantischen, neuen Markt entdeckt und vereinnahmte ihn für sich. Für die marode, unflexible, ostdeutsche Konkurrenz blieb da kein Platz. Vielleicht hätte man für alle Ossis ein Pflichtfach einführen sollen: Kapitalismus! Zuerst gab es in unseren grauen Wellblechkaufhallen verführerische Stände mit Westwaren zu harter DM, damit wir die Reste des Begrüßungsgeldes leichter ausgeben konnten. Schnell kam dann der Dicke und ließ sich feiern, wie wohl noch nie ein deutsches Staatsoberhaupt gefeiert wurde. Na ja, zumindest die letzten 60 Jahre nicht mehr. Und unverdient noch dazu, denn die Einheit haben die Ostdeutschen selber bewirkt, mit Hilfe Gorbatschows, der im richtigen Moment weggeschaut hat – aber niemals der Dicke!
Wir müssen ihm auch nicht allzu dankbar sein, zwar hat er uns die Konsumträume erfüllt, aber dafür vor allem der Marktwirtschaft einen Schub versetzt, wie sie es sich die Herren in den Chefetagen wohl nie zu träumen gewagt hätten. 16 Millionen konsumsüchtiger Ossis brauchten Markenjeans, Coca Cola, ein Westauto, einen Videorecorder, einen CD-Player, Milkaschokolade und die Bildzeitung. Und einen Farbfernseher. Das war dann auch das erste, was sich meine Eltern geleistet haben – einen Farbfernseher. Keinen russischen Raduga für fast 7000 Mark, sondern einen Grundig für gerade mal ein Zehntel der Summe. Und genau mit diesem Grundig-Fernseher und der dazugehörigen Satellitenempfangsanlage zerbrach mein zunächst aus der Asche des Klassenfeindes auferstandenes und durch Obdachlose und Bildzeitung schon wieder leicht angeknackstes Bild vom Kapitalismus endgültig in Scherben. Denn jetzt, endlich, konnte ich vom heimatlichen Wohnzimmer aus ein Fenster in die weite Welt aufmachen.
Ich hab mir das Fernsehen sehr schnell abgewöhnt, fast so schnell wie das Rauchen und das Bier. Und zwar noch VOR dem Durchbruch der Talk Shows. Der Grund? Es ist kein Quatsch, es war die Werbung. Ich weiß nicht, wie viele Deutsche es gab, die bis 1990 noch nie Fernsehwerbung gesehen haben, ich war jedenfalls einer von ihnen. Werbung im TV wird ja oft aus den unterschiedlichsten Gründen kritisiert. Filme gucken macht keinen Spaß wegen der Unterbrechungen, der Zuschauer wird bedrängt, subtil beeinflusst, verkauft. Aber das war nicht mein Grund. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, ohne jemandem zu nahe zu treten; ich versuche es einfach:
Ich war damals 21 Jahre alt, ziemlich intelligent und literaturbeflissen, wohlbehütet aufgewachsen mit Marx, Lenin, Morus, Goethe, Aitmatow, Tolstoi und hatte bis auf die Nachrichten oder die eine oder andere Literaturverfilmung nie etwas mit TV am Hut gehabt. Und dann setze ich mich vor einen Farbfernseher, schalte einen deutschen Privatsender ein und warte auf die Erleuchtung. Und dann sehe ich meine erste Werbung.  Es war ein Schock, ich konnte es nicht glauben. Ich hatte schon über Werbung gelesen, ich hatte Debatten über den Sinn oder den Unsinn und über den Nutzen von Fernsehwerbung verfolgt. Auch wenn die Meinungen da weit auseinandergehen – eines kann man wohl zusammenfassend feststellen: die Werbung ist dafür da, das die Firma bzw. ihr Produkt bekannt gemacht wird und daß die Konsumenten zum Kauf dieses Produktes animiert werden sollen. Punkt! Dazu muss ich wieder bei der deutschen Sprache ankommen – und bei den 30 000 Worten, die sie bereit hält. Goethe soll sie ja fast alle beherrscht haben, diese 30 000 Worte. Aber ich bin mir sicher, daß selbst Goethe kein Wort eingefallen wäre, um diese unglaubliche, diese himmelschreiende Dämlichkeit deutscher Fernsehwerbung zu beschreiben.
Der gute Herr Geheimrat hätte resigniert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Und was nicht einmal ein Goethe in Worte zu fassen vermag, das will ich nicht einmal versuchen. Nur soviel: Wenn diese Art der Werbung wirklich geeignet ist, den Durchschnittsdeutschen zu erreichen und zum Kauf zu veranlassen, wenn ihm diese Art gar gefallen sollte, ja wenn er sie nur schweigend akzeptieren sollte, dann ist Deutschland verloren. Das muss ich so einfach sagen. Und da ist es fast egal, um was für eine Werbung es geht. Ob sich der geschminkter Lackaffe listig überlegen in seinem Autoledersitz räkelt, ob die kittelbeschürzte Standardhausfrau beschwingt ihre Tütensuppe köpft, ob die grienende Göre in irgendeiner Joghurtpampe rumrührt – wer diesen unfassbaren Mist länger als nur eine einzige Sekunde zu ertragen vermag, der ist entweder ein Lehrbuchphlegmatiker oder hochgradig debil oder beides.
In den ganzen Jahren danach habe ich, und zwar nur zur Analyse für dieses Buch, nur noch ein einziges Mal einen ungefilterten deutschen Fernsehtag ertragen – es war ausgerechnet der Tag von Möllemanns Vergeselbstmordung. Aber dazu später mehr. Etwa ein halbes Jahr nach der neuen Währung hatte ich auch einen neuen Ausweis. Ich musste nicht in den Westen rennen, um Bundesbürger zu werden – der Westen kam zu mir gerannt. Bei aller Freude über die unerwarteten Konsumfreuden muss ich Kritik üben: So schön der erste Moment war, das war es nicht, was wir wollten! Das war es nicht, wofür wir auf die Straße gegangen sind! Und das ist nicht undankbar von mir, weil ich niemandem Dank schulde! Wir Deutschen sind im Jahr 1990 betrogen worden. Verraten und verkauft. Und daran ist nicht der blauäugige Ossi schuld, der ohne Ahnung zu haben in das kalte, kapitalistische Wasser geschmissen wurde, und da ist erst recht nicht der Westdeutsche schuld, dessen Werte, die er über Jahrzehnte mit seinen Händen erarbeitet hat, mit vollen Händen über die Mauer geworfen wurden. Die Schuldigen sitzen weiter oben, soweit oben, daß man sie von hier unten aus kaum sehen kann. Aber man muss sie ja nicht sehen, ich bin ganz froh, daß man sie nicht dauernd sieht, mir genügt völlig zu wissen, wer sie sind und wo sie sind. DDR-Politik war unkompliziert. Die Partei hatte immer recht. Die wahre Macht lag nicht in Regierung und Volkskammer, sondern in  einer Art Überregierung namens Politbüro. Das war trotzdem relativ effektiv, weil immer das durchgesetzt wurde, was gerade notwendig schien. Und weil im Endeffekt immer einer das letzte Wort hatte. Es gab keine Kompromisse, sondern Entscheidungen. Dieses System war natürlich völlig ungerecht. Man kam nur damit klar, wenn man es akzeptierte. Ich habe es akzeptiert, und die meisten anderen auch, weil es keine Alternative zu geben schien. Das westliche Modell einer modernen Demokratie dagegen schien der Weisheit letzter Schluss zu sein, ablesbar allein schon aus der Wirtschaftskraft und dem allgemeinen Wohlstand. Doch das ist ein verhängnisvoller Trugschluss, denn unsere angebliche Demokratie ist um ein vielfaches verlogener und ungerechter, als es eine Diktatur je sein wird!
Dass es heute mit uns und unserem Land nicht so läuft, wie es sollte oder könnte, wird niemand bestreiten können, aber wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Das Land befindet sich in Auflösung, zieht für fremde Interessen in den Krieg, treibt Kapital, Industrie und Intelligenz ins Ausland, schafft einfach seine stabile Währung ab und hat Billionenschulden. Ständig geht es bergab, ständig kommen neue “Reformen”, alle sind unzufrieden, aber entweder kennt der Bürger nicht die Ursachen und die Lösung unserer Probleme oder er wagt es nicht, sie zu nennen, weil das selbständiges Denken unterdrückt und zum Teil sogar verboten ist. Genau wie in der DDR – nur viel subtiler!
Ich glaube, es ist keine gewagte These wenn man behauptet: Dieses Land wird untergehen! Man raubt unsere Kultur, unser Geld, unsere Identität. Unsere Sprache wird verändert, unsere Moral und Wertevorstellung, unser Glauben, unsere Währung, unsere Grenzen, unser Denken.
Aber warum sind unser Regierungssystem und unser Staatsmodell ein solcher Betrug und warum geht es uns allen in diesem offenkundig reichen Land nicht viel besser? Im Zusammenhang mit deutscher Politik wurde früher immer über die deutsche Grundfrage gesprochen. Nun – heute gibt es eigentlich drei deutsche Grundfragen:
 
            1. Was stimmt nicht in Deutschland?
 
            2. Warum stimmt es nicht in Deutschland?
 
            3. Was muss man tun, damit es wieder stimmt?
 
Und diese drei Fragen werden wir bis zum Ende des Buches klären!
 
Eine große Nation wie Deutschland funktioniert ähnlich einer riesigen Maschine. Da gibt es tausende Zahnrädchen, lebenswichtige Kabel, ein stabiles Gehäuse und Millionen weiterer kleiner Bauteile. Der Ausfall wichtiger Elemente ist nicht immer leicht zu kompensieren, aber selbst wenn ein paar von diesen Millionen Bauteilchen nicht richtig funktionieren, fügt das der Maschine immer noch keinen großen Schaden zu.
Mit steigender Anzahl von Ausfällen wird aber ein reibungsloses Arbeiten immer schwieriger und irgendwann wird die Konstruktion einfach ausfallen. Und weil wir unsere große Maschine Deutschland nicht einfach verschrotten oder umtauschen lassen können, sollten wir uns langsam an die Reparatur der zahllosen defekten Bauteilchen machen. Und deshalb beginne ich meine Reparaturanleitung nicht mit Staat und Regierung, sondern mit dem Volk. Der einzelne Bürger mag machtlos und austauschbar erscheinen – aber wir sollten nicht vergessen, dass wir alle in Summe dieses unser Volk ausmachen und unser Volk nicht irgendein unwichtiger Bestandteil der Maschine ist, sondern die Maschine selbst. Schauen wir einmal nach, warum die einzelnen Bestandteile unserer Konstruktion beschädigt sind und wie wir das beheben können. Ein jedes Bauteil hat eine bestimmte Funktion, schlimm wird es nur, wenn dieses Bauteil nicht einmal weiß, wozu es überhaupt da ist.
 
            Weißt du, wozu du da bist?
            Du bist für dich selbst da?
 
Das ist tatsächlich ein guter Weg. Aber kein befriedigender. Im Egoismus wird man nicht die Welt verändern – und wenn man sie nicht ändert, wird man gemeinsam mit ihr untergehen. Das funktioniert nur, wenn man alleine auf diesem Planeten ist, denn zu jedem Abel kann es auch einen Kain geben. Du kannst dich in deine eigene Welt zurückziehen – aber früher oder später wird dich diese Welt einholen. Auch im alten Deutschland der 30er und 40er gab es genug Leute, die sich in ihre eigene Welt zurückzogen – bis die Bomben auch ihr Haus trafen und bis auch sie von der Front eingeholt wurden. Keiner konnte dann mehr sagen: “Das geht mich nichts an!” Das geht dann jeden an! Da hilft kein Verstecken mehr und dann kann auch keiner mehr sagen: Der Vergleich war übertrieben. In unserer momentanen Rolle als Handlanger der USA kommt das schneller als man denkt. Und dann soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden. Wenn man etwas aus der Geschichte lernen kann, dann auch die Tatsache, dass man sich nicht verstecken kann. Dass man nicht weglaufen kann vor der Verantwortung. Wer sich Scheuklappen aufsetzt und meint, nur für sich leben zu können, der wird von der Realität schnell eingeholt werden. Und dann wird er allein sein.
 
Du lebst nicht für dich, aber für deine Familie/Freunde?
 
Wie selbstlos, wie arm. Bringt es dein Volk, dein Land weiter, wenn du deine Energie und den Sinn deiner Existenz ausschließlich auf deine Nächsten beziehst? Ich sage nicht, dass man sie nicht lieben oder sie nicht stützen soll – aber kein Mensch darf der Sinn der Existenz eines anderen Menschen sein. Vielleicht bist du aufgrund deiner Intelligenz oder deiner Talente zu Höherem bestimmt, vielleicht kannst du einem ganzen Volk nützen anstatt nur ein paar lieben Menschen. Wie schade, sein Talent dann so zu vergeuden. Würdest du mit einem riesigen Rettungsboot von einem untergehenden Schiff auch nur deine Bekannten und Freunde retten, wenn du noch Platz für viele hättest? Nun – unser Schiff Deutschland hat schon starke Schlagseite…
 
Klammere dich nicht an wenige Menschen. Menschen sind vergänglich. Klammer dich an dein Volk, das überdauert Jahrtausende
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